17.6.07

Interessen, die in der Diskussion über den "Pflegenotstand" geflissentlich verschwiegen werden

Pflegefälle schaffen in erster Linie zutiefst menschliche Probleme: Wie geht jemand, der jahrzehntelang zugepackt und nach Kräften beigetragen hat, die Familie zu ernähren, damit um, nun selbst dieser Familie zur Last zu fallen? Wie gehen die anderen Familienmitglieder damit um, dass der bisher geliebte Vater, die bisher geliebte Mutter nun plötzlich unerwartete Schwierigkeiten macht - und in der eigenen Verbitterung und dem eigenen geistigen und emotionalen Verfall nun beginnt, Verdächtigungen und Verwünschungen gegen diejenigen auszustoßen, die nun dafür sorgen müssen, dass der alt gewordene Angehörige ein Leben in Würde führen kann.

Hier spielen sich Dinge ab, über die niemand gerne spricht. Allenfalls ist es statthaft, sich die psychische Belastung von der Seele zu reden, die aus der schwieriger werdenen Beziehung zum gebrechlichen Familienmitglied entsteht. Aber über die finanzielle Last zu sprechen, gilt als verpönt. Darüber zu klagen, dass all das, was mehrere Generationen an Vermögen aufgebaut haben, womöglich veräußert und aufgebraucht werden muss, damit der betreuungs- und pflegebedürftige Familienangehörige die ihm zustehende Hilfe bekommen kann, würde als zutiefst verwerflich empfunden. Da bleibt den Angehörigen nur der grausame Gedanke, dass es wohl besser wäre, wenn der gar nicht mehr so liebe Pflegefall möglichst bald unter die Erde käme.

Man verbietet sich solche Gedanken - und wird sie dennoch nicht los. Wenn nun Pflegezuschüsse davon abhängig gemacht werden, dass der Pflegefall sein Vermögen aufbraucht, bis er selbst ein Sozialfall ist, vergrößert das die psychische Not der ganzen Familie. Ihr abhelfen kann nur eine breit angelegte Pflegeversicherung, die die Risiken gerechter verteilt und wenigstens die materiellen Sorgen abfedert.

(DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2007)